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Wo ist der Zen des Palm geblieben?

By oliver | November 21, 2012

Vor mehr als 10 Jahren, als Palm noch groß und mächtig war, gab es eine Publikation namens „Zen of Palm“, in der eingängig beschrieben war, wie eine PDA-Anwendung idealerweise zu sein hat. Quintessenz des ganzen war eine Reduktion auf das unbedingt Notwendige, um eine klare, effektive und effiziente Nutzung des PDAs zu gewährleisten und eine klare Abfuhr an die „Featureitis“, die sich damals im WinCE-Lager anbahnte. Dazu passend gibt es eine Anekdote, nach der in den Anfangszeiten bei Palm ein Softwareentwickler angestellt war, dessen Job es war, die „Klicks“ auf das Display zu zählen, bis eine bestimmte Funktion ausgeführt wurde. Waren zu viele Interaktionen nötig (die Anwendung also umständlicher als vorgegeben), musste das Programm entweder geändert werden, um diese Funktion leichter benutzbar zu machen – oder die Funktion wurde gestrichen. Der PDA sollte keine Belastung sein, sondern seinen Benutzer leicht und intuitiv unterstützen.

Mehr Features bedeuteten damals wie heute automatisch eine niedrigere Leistung des PDAs – dem man mit schnelleren Prozessoren und mehr Speicher gegensteuern musste. Das wiederum führte zu kürzeren Batterielebensdauern, denen man mit stärkeren (also größeren) Batterien abhalf. Resultat war ein größerer PDA, der mehr kostete und letztendlich doch nicht wirklich mehr konnte, als das „featurelose“ Gerät – dies dann aber mit höherer Displayauflösung, mehr Farben und/oder Stereosound. Ein Gerät, dass zu groß, zu schwer und zu kompliziert ist, bleibt aber eher ungenutzt in der Schublade liegen, als dass man es immer dabei hat.

Damals war ganz klar, dass ein PDA keinen PC ersetzen kann oder ersetzen soll. Es war auch nie vorgesehen, für jeden noch so speziellen Anwendungszweck ein Programm für dem PDA zu entwickeln. Es gab eine klare und überdeutliche Abgrenzung, was ein PDA zu leisten hatte und was eben nicht.

Palm war damit jahrelang sehr erfolgreich… bis jeder – außer Palm selbst – diesen Zen aus den Augen verloren hat.

Heute habe ich ein Smartphone mit permanenter HSDPA-Internetanbindung, habe ein monatliches 3G-Datenvolumen von 2-3 Gigabyte, mache mir Sorgen um die immer voller werdende 64GB-Speicherkarte meines Telefons, habe etliche Gigabyte Cloud-Speicher, ein paar Gigabyte Webspace, 20000 abrufbereite Lieder auf den Servern von Google und ständigen Zugriff auf mehrere Terabyte Daten auf meinem Fileserver zuhause. Dazu kommt die ständige Sorge, ob der Akku noch bis heute abend reicht, da ich mittlerweile ein qHD-Display und eine DualCore-CPU mit >1,5 Ghz benutze, um meine Termine anzuzeigen…

Dazu kommt der Trend, alles was man am heimischen PC machen kann, auch unterwegs mit dem Smartphone zu tun – oder zumindest theoretisch die Möglichkeit dazu zu haben. Dazu kann man z.B. auf etliche Office-Suites und Bildbearbeitungsprogramme zurückgreifen. Das Bearbeiten einer Excel-Tabelle ist auf einem Smartphone mit 4-5-Zoll-Display ja auch eine echte Freude… Bildbearbeitung auf dem Smartphone ist ebenso unsinnig: Wozu habe ich eine halbwegs brauchbare Handy-Kamera mit der Auflösung einer handelsüblichen DSLR um die Bilder dann mit diversen Filtern aussehen zu lassen, als wären sie vor 25 Jahren mit einer Sofortbildkamera aufgenommen worden?

Eine ähnliche Richtung schlägt Microsoft gerade mit Windows 8 ein. Dazu soll ein identisches User Interface sowohl auf dem Desktop, als auch auf dem Smartphone dazu führen, dass man sich überall sofort zurecht findet und quasi keinen Unterschied mehr zwischen PC zuhause und Smartphone unterwegs spürt. Letztendlich führt es aber dazu, dass vollkommen überladene PC-Programme ohne Anpassungen auf das Smartphone portiert werden – was nicht funktionieren kann und nicht funktionieren wird.

Aber für diesen Zweck kann man sich ja ein Tablet anschaffen, damit man die Smartphone-Apps (früher hatte ich einige „Programme“ auf dem PDA – heute habe ich „Apps“), die auf dem Smartphone praktisch unbrauchbar sind, benutzen kann. Es wird also vom User erwartet, dass er seine Hardware und seine Gewohnheiten den Programmen anpasst – und nicht umgekehrt. Nachdem man sich jahrelang bemüht hat, *ein* Gerät zu entwickeln, das viele andere Geräte ersetzen kann (ein Smartphone ist heute mp3-Player, Kamera, PDA, Video-Player, Navigationsgerät, Instant-Messenger, eBook-Reader, Spielekonsole, Barcodescanner, Wasserwaage, Taschenlampe etc.pp und irgendwo dazwischen auch ab und zu mal ein Telefon), geht der Trend jetzt wohl wieder in die Gegenrichtung: ein Smartphone, das alles kann (aber nichts richtig), ein kleines 7-Zoll-Tablet (das man immer dabei hat) zum augenschonenden nutzen der Programme, für die das Smartphone zu klein ist und ein großes 10-Zoll-Tablet (idealerweise mit Tastatur) für „richtiges“ Arbeiten.

Ich könnte jetzt noch über den Zwang reden, für jeden Anwendungszweck eine oder gleich mehrere passende Apps installiert zu haben. Man weiß ja nie, ob man sie nicht doch irgendwann mal gebrauchen kann. Letztendlich bleiben höchstens 10-20 Anwendungen übrig, die regelmäßig genutzt werden. Alles andere hat man nur dabei, weil man es ja „irgendwann mal, vielleicht“ gebrauchen könnte.

Letztendlich habe ich mir dieses Verhalten aber auch schon vor langer Zeit zugelegt – und es ist ja eigentlich auch ganz praktisch, mal eben schnell ein Foto machen und twittern zu können. Oder immer per email erreichbar zu sein, oder mal gerade das lustige Video auf Youtube anzusehen, nachdem man ein bisschen Internet-Radio gehört hat. Aber war bringt mir das persönlich? Das Smartphone liegt immer griffbereit auf dem Schreibtisch oder steckt in der Hemd- oder Sakkotasche; wenn ich es nicht gerade in der Hand halte und irgendetwas unheimlich wichtiges, das keinen Aufschub duldet, damit mache. Ich bin aber nicht alleine so: In jedem Cafe und jedem Club sieht man Leute, die sich kennen und am gleichen Tisch sitzen, sich aber nichts zu sagen haben, weil jeder gerade irgendetwas ganz wichtiges mit seinem Smartphone macht.
Praktisch? Ja. Wünschenswert? Sicher nicht. Wer ist eigentlich der Assistent des anderen?

Die technischen Möglichkeiten werden immer schneller immer schwindelerregender (im kommenden Jahr soll die erste 8-Kern-CPU für Smartphones auf den Markt kommen) und phantastischer. Auf der Strecke bleibt dabei aber nicht nur der „Zen of Palm“ sondern irgendwo auch der Mensch hinter dem Smartphone.

Ich werde es demnächst mal im Selbstversuch testen und einige Zeit digital fasten. Dazu spendiere ich meinem ersten Palm (ein Pilot 5000) einen Satz frischer Batterien, speichere die nötigsten Kontakte und die Termine für die kommenden Wochen von Hand und lasse mich mal überraschen, ob und wie lange ich damit auskomme. Als Telefon werde ich ein Seniorenhandy (einEmporiatalk v20) benutzen – das Ding ist groß und peinlich und kann wirklich – außer telefonieren – nichts.
Wenn ich also demnächst nicht sofort auf eine Twitter-Nachricht oder eine email reagiere ist nichts schlimmes passiert… im Gegenteil 

Stay tuned – ich werde berichten, wie es weitergeht…

 

P.S.: Die online-Version des „Zen of Palm“ gibt’s hier: http://www.accessdevnet.com/docs/zenofpalm/Enlightenment.html

Ein PDF davon kann man hier finden: http://www.cs.uml.edu/~fredm/courses/91.308-fall05/palm/zenofpalm.pdf


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Alle Inhalte auf dieser Seite Copyright Oliver W. Leibenguth

Topics: Allgemein | 7 Comments »

7 Responses to “Wo ist der Zen des Palm geblieben?”

  1. Oliver über den Zen des Palm « Palm User Group Saarland Says:
    November 22nd, 2012 at 08:14

    […] Seht selbst: http://blog.compuseum.de/2012/wo-ist-der-zen-des-palm-geblieben/ […]

  2. Wolfgang Klein Says:
    November 22nd, 2012 at 15:17

    Danke, Herr Leibenguth! Sehr guter Artikel und wirklich voll ins Schwarze getroffen. Kann ich sofort unterschreiben! :-)

    Besonders der Absatz mit den Leuten an einem Tisch spricht mir voll von der Seele!

  3. Jörg Says:
    November 23rd, 2012 at 18:20

    Möge die Macht mit dir sein, Oliver! Ich beobachte gespannt deinen Selbstversuch. Ich habe den „digitalen“ Entzug schon vor einem Jahr durchgeführt, und bin jetzt frei von Gezwitzscher, Facebook, ständiger Erreichbarkeit per Mail…
    Ich kann wieder die Ruhe genießen, mich auf wesentliches konzentrieren und meine Gedanken ohne Unterbrechung zu Ende denken. Zweimal am Tag Post abholen reicht mir, und meinen Kunden komischerweise auch. Der größte Luxus unserer und der nächsten Generation wird „Entschleunigung“ und „Privatsphäre“ sein.

  4. PDA Nr. 282: Casio Cassiopeia A-11 | Olivers virtuelles PDA-Museum Says:
    November 24th, 2012 at 15:08

    […] ich bereits gerade vor Kurzem in meinem “Zen of Palm”-Posting beschrieben habe, war WinCE von Anfang an der falsche Weg, da man versuchte, die Optik von Windows […]

  5. Jahresrückblick 2012 | Olivers virtuelles PDA-Museum Says:
    Dezember 31st, 2012 at 19:02

    […] habe ich mich ein wenig im “Zen des Palm” geübt und mit Erstaunen festgestellt, dass es auch ein Leben ohne Smartphone gibt. Man kann […]

  6. Olivers virtuelles PDA-Museum Says:
    März 31st, 2013 at 15:46

    […] es mit nicht gar zu langweilig wird, habe ich (auch ein bisschen vom Zen-Of-Palm inspiriert), wieder Notizbücher und ordentliche Schreibutensilien angeschafft. Da gibt es momentan […]

  7. Kommen wir nun zu etwas völlig anderem… | Olivers virtuelles PDA-Museum Says:
    März 31st, 2013 at 15:48

    […] es mit nicht gar zu langweilig wird, habe ich (auch ein bisschen vom Zen-Of-Palm inspiriert), wieder Notizbücher und ordentliche Schreibutensilien angeschafft. Da gibt es momentan […]

Comments

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